Die Weinrunde

verkosten - reisen - geniessen

Tagebucheintrag vom 2.4.05

 

An besonders schönen Tagen ist der Himmel sozusagen wie aus blauem Porzellan. (E. Kästner, „Im Auto unterwegs“)

Heute wieder einmal mit der Weinrunde auf Weinreise. Na ja, Reise ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Sagen wir: Weinausflug.

 

Weingut Manincor, Kaltern

Der Herr Graf wartet schon, als wir mit der obligaten Verspätung im Weingut Manincor eintrudeln. Inzwischen bin ich schon zum dritten Mal hier, seit der Gutshof ein anderes Gesicht hat. Und jedes Mal beeindrucken mich Zahlen, Daten, Fakten:

45.000 m3 wurden verbaut, ein 12 Meter tiefes Loch klaffte nach den Aushubarbeiten an der Stelle, wo wir vor 3 Jahren mit einem Glas Goldmuskateller in der Hand auf dem Hügel unseren Blick hatten schweifen lassen. Und nun: den Hügel gibt’s wieder, nur dass jetzt darunter nicht Erde und Schotter liegen, sondern er verbirgt Hightech und architektonisch Ausgeklügeltes.

Haus- und Hofarchitekt Walter Angonese, der den neuen Keller geplant hat, ist inzwischen wieder ausgezogen. Er hatte sein Büro fix im Ansitz. Enger geht die Zusammenarbeit wohl kaum…

Von der Kühle des Kellers in den hellen, wärmeren Verkostungsraum.

Michael Graf Goess-Enzenberg setzt inzwischen vorwiegend auf spontane Vergärung mit natürlichen Hefen, wie er erzählt. Und auf Qualität bei den Reben. Denn 80 % mache das Traubenmaterial aus, die restlichen 20 % liegen in der Hand des Kellermeisters. Anders gesagt: Aus schlechten Trauben macht auch der beste Kellermeister keinen guten Wein… Schnell würden wir ins Diskutieren geraten (über Lagrein und dessen Bedeutung für Südtirol, über den schwierigen österreichischen Markt und, und, und...), doch die Zeit drängt etwas. Familienprogramm wartet auf den Herrn Grafen, und auf uns Andreas Nicolussi vom Stroblhof.

Es reicht noch, um am Schluss den sündhaft teuren Castel Campan 01 „aufzureißen“: Ein Verschnitt aus 70 % Merlot und 30 % Cabernet Sauvignon, noch sehr verschlossen. Kurzerhand nehmen wir die Flasche mit, die Gelegenheit zur eingehenderen Probe ergibt sich heute ja noch.

 

Weingut Stroblhof, St. Michael/Eppan

Nächste Station: HUNGER stillen! Ein Glück, dass der Stroblhof nicht nur ein Weingut ist, sondern auch über ein vorzügliches Restaurant verfügt. Andreas Nicolussi taucht im blauen Schurz auf, während wir die Frühlingssonne im Restaurantgarten genießen. Aha, er ist also nicht nur der Chef, sondern er packt auch selbst mit an! Ich kenne ihn von den diversen Verkostungen, Veranstaltungen, (zu Neudeutsch: events…) nur als smarten Geschäftsmann im Anzug.

Umgezogen (sportlich-legere Freizeitkleidung) holt er uns zu einem kurzen Abstecher in den Weinberg ab. Irgendwie komme ich mir vor wie Gulliver, zuerst bei den Riesen (alles XL bei Manincor), jetzt bei den Zwergen (alles XS beim Stroblhof): 3,5 ha hat er, 26.000 Flaschen macht er. Klein, aber fein. Wie er selbst. Drahtig, sportlich und zielstrebig. Dynamisch eben. Apropos: Sein Ziel wäre es, langsam aber sicher auf „biodynamisch“ umzustellen.

Ja, ein sturer „Hund“ sei er, den Chardonnay habe er ein Jahr lang aus Trotz nicht gemacht. Jetzt macht er ihn wieder. Und G´würzer, und Sauvignon, und Blauburgunder. BLAUBURGUNDER! Bevor er vor 9 Jahren in den Stroblhof eingeheiratet hat, war er Geschäftsführer bei der Kellereigenossenschaft Erste und Neue.

Nun selbst Wein-…. ja was nun? -bauer? Nein! -macher? Nein! Produzent. Ja gut, er ist Weinproduzent mit einem erstklassigen Berater. Dem Terzer Hans nämlich. Der passt auf, dass nichts daneben geht. Im Weinberg und im Keller.

Auch er hat den Keller ausgebaut. Fast schon putzig wirkt dieser im Vergleich zu dem von Manincor. Er wollte mitreden beim Kellerausbau, also hat er mit einem befreundeten Innenarchitekten zusammengearbeitet. Da konnte er ganz nach eigenen Vorstellungen planen: die Verbindung von Funktionalität und Design.

Im Verkostungsraum ist alles schon hergerichtet für unseren Besuch. Andreas will’s wissen: er rückt auch mit den Weißweinen aus dem schwierigen ´03er Jahrgang heraus: sehr heißer Sommer, die Weine haben wenig Säure und viel Alkohol.

Trotzdem: Der `03er G’würzer hats gut gepackt, mit interessanten Honignoten und schöner Restsüße. Weniger der Weißburgunder „Strahler“. Der ist „hantig“ und säurearm. Ebenso der Sauvignon.

Nun die Lektion für Blauburgunderbanausen: Wie hat er denn zu sein, der typische Südtiroler Blauburgunder? Was nun: Erdbeer-, Himbeer-, Röstaromen? Mir schwirrt der Kopf. Und ich bleib’ dabei: der ´01er Riserva ist gut. Sehr gut (schließlich habe ich einen ganzen Karton im Keller liegen…). Vielleicht im Moment noch etwas unharmonisch. Auch wenn Andreas meint, der ´02er sei besser… Ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Aber nicht heute, nein, heute nicht …

 

Winecellar, Tscherms

Weinkeller haben immer etwas Faszinierendes, zumal wenn sie so prall mit Pretiosen gefüllt sind wie der von Hans Innerhofer, Betreiber der Firma Winecellar in Tscherms. Und hier meine ich nicht den „Firmenkeller“, sondern seinen privaten. Das Schöne: wir durften nicht nur hineinschauen, sondern eine Rarität daraus auch TRINKEN! Aber der Reihe nach.

Die von Freund Gebhard organisierte Verkostung bei und mit Hans führt uns unter anderem in die Welt der Rieslinge aus der Rheinpfalz und der Wachau sowie der französischen Burgunder ein.

Eine Auswahl der Verkostungsnotizen der Weinrunde:

Riesling ´03 von Dr. Bürklin Wolf: Schöne Steinobst- und Zitrusnoten in der Nase, im Mund geprägt durch eine angenehme Fülle und ausgeglichene Mineralität. Mit ca. 9 Euro sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis!

Es kommt noch besser:

Riesling Setzberg Smaragd ´01 von Franz Hirtzberger aus der Wachau: Beinahe fleischig am Gaumen, gut ausgeprägte Säure und Mineralität

Chambolle Musigny ´01, Frederik Mugnier, Cote de Nuits: Eleganter Burgunder eines der traditionsreichen Häuser, kraftvoll und schön fruchtig.

Auch mit äußerst interessanten Italienern wartet Hans auf:

Barolo La Serra 1997, Marcarini: Leder, Lakritze in der Nase, am Gaumen ausgeprägte Tanninstruktur und Eleganz, mit ca. 24 Euro preisgünstig!

Caiarossa 2003, Caiarossa, Ripabella, (Toscana): Sehr üppiger, moderner, beinahe exotischer Wein (kein Wunder, es werden 9 Rebsorten, darunter auch Syrah, verwendet!)

Tenuta di Valgiano 2000, Tenuta di Valgiano, Toscana: aus bis zu 70 Jahre alten Sangiovese-Reben gekelterter Wein aus biodynamischem Anbau: sehr komplex, saftig, beinahe wuchtig mit gut eingebundenen Tanninen, mit über 40 Euro teuer!

Erwähnenswert noch der Guidalberto 03, Tenuta S. Guido, sozusagen der „kleine Bruder“ des Sassicaia. Viel Wein um weit weniger Geld (um die 20 Euro)

Der krönende Abschluss ist im Winecellar-Katalog nicht mehr zu finden und vermutlich auch auf wenigen Weinkarten der Spitzenrestaurants: Nein, er lässt sich nicht lumpen, der Hans. Ein denkwürdiger Tag für mich. Ich trinke meinen ersten Chateau Lafite Rothschild, Jahrgang ´82, Magnum!!! Wie schade, dass eine Magnum nur 1500 cl. fasst…